Bolivia Loca – Von Cholitas, Hexen, Gefängnissen und Zebras

Ihren aktuellen Blogartikel hat Kathrin der wohl ungewöhnlichsten Stadt Südamerikas gewidmet: La Paz. Warum ihr Aufenthalt in Bolivien so ganz war als das, was sie bisher auf ihrer Reise erlebt hat, lest Ihr hier: 

Nachdem wir von unserer Tour durch die Salzwüste in Uyuni zurückgekommen sind, fahren wir weiter nach Sucre, in die offizielle Hauptstadt Boliviens und anschließend nach La Paz. Ja tatsächlich, Sucre ist die Hauptstadt und nicht La Paz, wie viele denken. Doch in La Paz befindet sich mittlerweile der Regierungssitz, so dass es hier oft zu Verwechslungen kommt. La Paz ist auch die Stadt in ganz Südamerika, die uns wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird. Denn genauso einzigartig wie die Lage auf fast 3.700 Metern Höhe, ist La Paz auch genauso eigenartig was das Leben in der Stadt betrifft.

Deshalb möchten wir in diesem Blog auch dieses Mal gar nicht von den Städten in Bolivien im Einzelnen berichten, über Plätze, Kirchen, Sightseeing, Touren usw., sondern vielmehr von den wirklich merkwürdigen und sonderbaren Geschichten erzählen, die wir in Sucre und La Paz gehört und erlebt haben.

La Paz – alles außer gewöhnlich!

 Bolivia Loca – Bolivien verrückt!
Vielleicht liegt es ja einfach an der Höhenluft, aber in Bolivien scheint alles ein wenig anders zu sein. Die Menschen sehen nicht nur anders aus, auch die Straßen, die Gerüche, das Essen und die Luft sind irgendwie anders. Man kann es gar nicht wirklich beschreiben, aber hier kommt man sich irgendwie vor als wenn man zurück versetzt wurde in eine frühere Zeit.

 

Schuhe direkt am Straßenrand kaufen.
Fleisch, Gemüse, Obst…alles kann man an Ständen kaufen. Geschäfte gibt es keine.

Keine Supermärkte

Was einem sofort auffällt ist, wenn man etwas zum Essen kaufen möchte: Es gibt überhaupt keine Supermärkte! Alles wird nur noch auf der Straße oder in großen Markthallen verkauft und das zu einem sehr schmalem Kurs. Ein Traum nach den Preisen in Chile. Kein Wunder, dass McDonald’s es bis heute nicht geschafft hat dort eine Filiale zu eröffnen, wenn man für umgerechnet 1,80 Euro einen riesen Teller mit Fleisch, Reis, frittieren Bananen und Salat bekommt.

Man bekommt wirklich alles an den Ständen: Komplett geschlachtete und zerlegte Tiere in allen Einzelheiten und Milch in alten Kannen.  Der Käse wird noch angerührt und Unmengen an Gemüse, Eiern, Früchten, Brot, Blumen, Schuhe, Kleidung, Elektronik und vieles mehr. Ganz La Paz ist ein riesen Straßenmarkt. Es gibt zum Beispiel eine Straße nur mit Kartoffeln, mit über 400 Sorten, von denen welche aussehen wie kleine harte Steine. Diese Kartoffeln wurden dehydriert, so dass sie sich bis zu 20 Jahre halten. Wenn man sie kocht, legt man sie dann einen Abend zuvor wieder ins Wasser, so dass sie sich wieder vollsaugen wie ein Schwamm und dann erhalten sie ihre normale Größe zurück. Wofür das gut ist bei dem riesen Angebot an Kartoffeln wissen wir nicht, denn ehrlich gesagt schmeckten die Frischen zehn Mal besser.

Aber die Traditionen in Sachen Essen sind auch nur die am wenigsten Verwunderlichen in Bolivien. Die Cholitas, so nennt man die indigenen Frauen der Aymaras, eine der 30 ethnischen Gruppen im Land, sind da schon spannender. Kommen wir gerade mal nach Luft hechelnd die steile Straße in La Paz hoch, so wandern die kleinen Frauen noch im sechsten Monat schwanger mit einem Baby auf dem Rücken und noch zwei schweren Marktbeuteln in der Hand einfach an uns vorbei. Diese Frauen arbeiten von morgens bis abends. Ich glaube wir haben Cholitas an Marktständen noch verkaufen sehen, die mindestens über 90 Jahre alt waren.

Das Bild wird noch sonderlicher mit der traditionellen Kleidung, die die Aymaras tragen. Mit einer Schicht aus mehreren Röcken, die die gebärfreudigen Hüften betonen sollen und natürlich vor der Kälte schützen, einer bunten Bluse mit einer Schürze, sowie dem ganz wichtigen und nicht zu vergessenen kleinen Zylinderhut, sind sie den ganzen geschäftig unterwegs. Die warme Kleidung und die Schürze sind ja auch sehr praktisch für die Arbeit auf der Straße und dem Markt früh morgens. Aber was soll der zu klein geratene Zylinderhut auf dem Kopf?

Hier die Geschichte dazu: Britische Eisenbahn Bauer kamen Anfang des 20. Jahrhundert nach Bolivien als der Minenabbau boomte. Die Briten trugen Zylinder und nachdem von Italien aus für sie neue Hüte bestellt wurden, dachte man sich in Europa ganz verkaufsfördernd, man könnte die Zylinder ja auch an den bolivianischen Mann bringen. Die Italiener überlegten, da die Bolivianer ja alle etwas kleiner sind, haben sie bestimmt auch kleinere Köpfe. So wurde 1920 eine ganze Schiffsladung mit kleinen Hüten nach Bolivien versandt, wo schnell festgestellt wurde, komischerweise haben die Bolivianer doch keine kleineren Köpfe. Was macht man denn jetzt mit den zu klein geratenen Zylindern? Und da hat man sich einfach gedacht, bevor man auf der Ware sitzen bleibt, erzählen wir doch einfach den bolivianischen Frauen, dass das Tragen von diesen kleinen Zylinderhüten gerade der absolut neueste Modetrend für Frauen in Europa sei. Und diese Strategie ging auf. Von da an wurde der Zylinder für die Aymaras zu einem Statussymbol und das Tragen zur Tradition, die heute noch 100 Jahre später anhält. Und so sieht man jetzt überall in Bolivien Frauen mit ihren kleinen Zylinderhütchen herumlaufen und bei Regen wird sogar noch eine Plastiktüte übergestülpt.

Wenn Hexen Nachschub brauchen, kaufen sie in La Paz hier ein.

Hexen mitten in Bolivien

Von den Cholitas geht es gleich weiter zu den Las Brujas, den Hexen. In La Paz und meist auf den lokalen Märkten findet man immer auch ein paar Verkaufsstände von Hexen. Dort gibt es getrocknete Lamaföten, Tukanschnäbel, Knochen und Substanzen für alle Anliegen. Meist werden so eine Art Kuchen mit viel Zucker und allen möglichen Beigaben, wie die toten Lamababys in der Form eines Hauses, eines Herzens, eines Tieres etc. erstellt, die dann ein Yatari segnet. Ein Yatari ist ein Zauberer Doktor, „ein Wissender“, der entweder von einem Blitz getroffen wurde oder von jemandem abstammt, der vom Blitz getroffen wurde. Mit seinem Segen werden diese Kuchengebilde zum Beispiel vor dem Bau eines Hauses verbrannt oder vergraben als Opfer an die Mutter Erde, der „pachamama“, so dass man dort ein schönes Leben verbringt und der Bau des Hauses gut verläuft

Und dann gibt es in diesen Hexenläden noch vieles mehr, von magischem Liebes-, Heirats-, bis hin zum Bestrafungspulver und auch gegen alle Wehwehchen gibt es ein Mittel. Und wenn sich das jetzt alles super unglaubwürdig anhört, müsst ihr euch das einfach in La Paz mit eigenen Augen anschauen. Selbst der Schauspieler Jude Law staunte nicht schlecht, als er den Präsidenten im Frühjahr besuchte und dort vor dem Palast ein riesen Berg Lamaföten verbrannt wurde.

Das merkwürdigste Gefängnis der Welt

Ein Wundermittel könnten auch die Gefangenen des wohl merkwürdigsten Gefängnisses der Welt gebrauchen. Mitten in der Stadt von La Paz befindet sich das über 100 Jahre alte San Pedro Prison. Eigentlich mal ein Kloster wurde das Gebäude für 400 Gefangene umgebaut. Aber tatsächlich leben heute schätzungsweise 2500 Insassen mit ihren Familien in quasi einem Häuserblock. Ja, die
Kinder und Frauen leben alle mit in diesem Gefängnis und können tagsüber frei ein und aus gehen. Denn es gibt auch keine Wächter oder vergitterte Fenster oder sonstige Barrieren. Die Insassen leben komplett nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Wer diese nicht befolgt, z. B. versucht zu fliehen und damit dafür sorgt, dass seitens der Polizei die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden, wird hart bestraft. Somit stehen lediglich drei bis vier Wachen vor dem Eingangstor unten an der Straße und kontrollieren die Waren, die Besucher und die Familien mit in das Gefängnis bringen oder heraustragen. Wenn man sich für kurze Zeit das Treiben genau vor diesem Eingang mitanschaut, würde man echt nicht denken, dass es sich hier um ein Gefängnis handelt. Es werden Matratzen, Essenskörbe, Fernseher, usw. durch die Gitter gereicht. Ein Kommen und Gehen. Und auch alles andere unterscheidet sich komplett von einem normalen Gefängnis.
Die Insassen leben im Inneren je nach Vermögen in unterschiedlichen Sektoren, denn man muss sich hier seine eigene Zelle kaufen oder mieten, sogar eine Eintrittsgebühr muss gezahlt werden. Je nach dem wie viel Geld man mitbringt gibt es zweistöckige Appartements mit Plasmafernsehen bis hin zu modrigen Kellerräumen, wo man sich mit 6 bis 10 Leuten einen Raum teilt. Die Gefangenen betreiben ihr eigenes Business. Es gibt Restaurants, Mechaniker, Friseure, kleine Lebensmittelläden. Sogar Coca-Cola hat einen Deal mit den Gefangenen gemacht, dass im Gefängnis nur deren Softdrinks verkauft werden dürfen. Und bis vor ein paar wenigen Jahren, man glaubt es kaum, haben Insassen für Touristen Touren und Partys im Gefängnis veranstaltet. Selbst der Lonley Planet gab hierzu eine Empfehlung unter der Rubrik Aktivitäten.

So könnte man fast denken, den Insassen geht es richtig gut, aber hier sind Personen bereits Jahre gefangen, die noch nicht einmal ein Gerichtsverfahren erhalten haben, geschweige denn gerecht verurteilt wurden. Aufgrund von Korruption, Drogenhandel (man sagt das beste Kokain Boliviens kommt direkt aus den Küchen San Pedros), überlebt und entkommt man diesem Gefängnis nur wenn man sehr clever ist, Geld hat und sich damit bei der Justiz Freunde machen kann. Ein wirklich bizarres System. Für alle, die mehr darüber erfahren möchten, gibt es das Buch „The Marching Power“ über den Engländer Thomas FcFadden, der am Flughafen in La Paz mit Kokain erwischt wurde und von seinem Leben und die Jahre, die er im San Pedro Prison verbracht hat, berichtet. Nachdem wir das Gefängnis gesehen haben, habe ich mir dieses Buch sofort gekauft. Eine wirklich unfassbare Geschichte und vor allem ein Rechtssystem sondergleichen.

Das Parlamentshaus in La Paz.

Rückwärts laufende Uhren und Zebras mitten in der Stadt

Aber jetzt wieder zu lustigeren Geschichten. Am Parlamentsgebäude läuft übrigens die Uhr rückwärts und in ganz La Paz sieht man überall Zebras auf der Straße. Zebras? Ja tatächlich und zwar sind dies Teenager, die sich als Zebras verkleiden und den Leuten beim Überqueren der Straße helfen, bzw. die Autofahrer davon abhalten bei rot über die Ampel zu fahren. Ein Projekt um Jugendliche aus sehr armen Verhältnissen eine Aufgabe zu geben und sie vor dem Abrutsch in die Kriminalität zu bewahren. Aufgrund des Erfolges werden die Jugendlichen mittlerweile sogar vom Staat mit einem Minilohn bezahlt.

Diese Geschichten und noch vieles mehr erlebt man in Bolivien. Man kann gar nicht von allem berichten, was man hier sieht. Daher ist Bolivien für uns auf jeden Fall absolutes Neuland, was das Reisen um so spannender macht.

Also wer auf der Suche nach einem Kulturschock, Neuem, Sonderheiten und richtigem Abenteuer ist, für den ist Bolivien genau richtig. Verrückt! Verrückt!

Eure Kathrin!

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