Lapa, Samba, Queijo & und die Kunst des Lebens

Im zweiten Teil ihrer Kolumne über Südamerika erzählt uns Kathrin von ihrem Ausflug in den berühmten Sambodrom und berichtet auch von der Schattenseite Rios: Das Leben in einer der berüchtigten Favelas. 

Nachdem wir bei strahlend blauem Himmel spektakuläre Aussichten vom Zuckerhut und dem Corcovado aus runter auf Rio de Janeiro genießen konnten und auch schon die ersten Caipirinhas in Ipanema und an der Copacabana geschlürft haben, wollen wir jetzt ein bisschen mehr abseits der Besucherströme die Cariocas und das Leben in den Straßen kennen lernen.

Da unser kleines Hostel direkt im Herzen des bunten Ausgehviertels in Lapa liegt, haben wir Glück und sind quasi schon mitten drin im Geschehen. Von den bunten Treppen Selaróns, wo sich Jung und Alt trifft, nur drei Schritte über das alte Kofpsteinpflaster und vorbei an den alten verfallenen Villen hinunter auf die Avenida Mem de Sá. Dort reiht sich eine Bar an den nächsten Sambaclub und von überall hört man das Trommeln von spontanen Jam-Sessions auf Plätzen und in kleinen Hinterhöfen.

P1020270_

Proben für den großen Tag

Doch das ist nur der Auftakt der ersten Samba-Rhythmen. Denn ca. vier Wochen vor Karneval proben jeden Samstag- und Sonntagabend die Tanzschulen im Sambódromo. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Das haben sich aber auch wohl die 70.000 anderen Besucher gedacht. Was gibt es auch auf einem Sonntagabend schon Besseres zu tun als umsonst sich mit der ganzen Familie eine riesen Show anzuschauen. Und so werden wir auch gleich von Paolo und seiner Frau zu einem kalten Bier eingeladen und in die Fankultur der Tanzschulen eingewiesen.

Denn jede Sambaschule hat seine eigenen Fans mit bunten Trikots, Vereinsfarben, Lieder und vielem mehr.  Wir sind mitten unter den treuen Anhängern von Mangueira gelandet. Paolo schwört: „Einmal Mangueira, immer Mangueira!“ Dann geht es auch schon los: Aus krachenden Lautsprechern wird ein Lied angestimmt, Glitzerkonfetti schießt durch die Luft und alle springen auf und singen und tanzen mit während sich die Parade durch die Allee des Stadions schlängelt. Trotz unserer unzureichenden Brasilianisch- Kenntnisse stellen selbst wir recht schnell fest, dass komischerweise die ganze Zeit über nur ein Lied gesungen und gespielt wird, also quasi „Wenn das Trömmelsche jeht“ in der Repeatschleife. Sehr lustig, so stellt man zumindest sicher, dass alle mitsingen können. Sogar ein paar Textfetzen haben wir aufgeschnappt:

„Eu vou cantar a vida inteira
Pra sempre Mangueira, tem que respeitar!
Eu vou cantar a vida inteira
Mulher brasileira em primeiro lugar“!

Zum Schluss waren die richtig bunten Kostüme und Wagen zwar noch nicht zu sehen, da alles noch streng geheim ist, aber trotzdem haben wir schon einen tollen Endruck bekommen, was hier zu Karneval los sein wird!

Nach Glitzer und Glamour geht es in die berüchtigten Favelas

Am letzten Tag steht dann noch eine Tour durch die Favelas Rocinha und Vila Canoas auf dem Programm.
Mit einem bunten Mix von Leuten aus Australien, Frankreich, England und Argentinien fahren wir mit unserem Guide Lucianola (kurz Lu) als erstes in die Favela Rocinha. Dieses Viertel ist schon seit mehreren Jahren befriedet, was so viel heißt, die Polizei hat offiziell die Kontrolle übernommen, und wie uns Lucianola erklärt, sei die Gegend daher für Besucher nicht mehr so gefährlich.

Wir waren uns zu Beginn gar nicht sicher, ob man an einer Tour durch die Favelas überhaupt teilnehmen sollte. Aber der Sinn dieses Ausflugs ist es nicht, sich das Elend anzuschauen, sondern einen Einblick in die Situation des Landes zu bekommen, in die die Politik, die Strukturen, die Geschichte, das Bildungsssystem um ein wenig die herrschenden Mißstände verstehen zu können.

Und wir waren in der Tat sehr beeindruckt von den Bildern, der Kunst des Lebens/ Überlebens in den Favelas und den vielen Informationen, die uns Lu über Ihre Stadt erzählte. Durch enge Gassen und über schmale kleine Treppen ging es vorbei and den selbtzusammengezimmerten Hütten und provisorisch gemauerten Häusern. Eine Favela ist quasi ein Lebensraum für sich, jeder hilft jeden, jeder kennt jeden und jeder weiß, was gerade passiert. Ob man miteinander streitet, wer mit wem gerade telefoniert, Privatsphäre gibt es hier nicht. Daher freuen sich auch alle immer auf den Sonntag, wenn man auf der Strasse zusammen kommt und die Musik laut aufgedreht werden kann, denn dann hört der Nachbar mal nicht, was gerade in den eigenen vier Wänden passiert. Und da wir heute auf unserer Tour einen Feiertag erwischt haben (es ist San Sebastian) hören wir überall Musik spielen. In Sachen Liebesleben gibt es hier zumindest keine Probleme erzählt uns Lu mit einem Grinsen im Gesicht.

P1020533_

Doch da es keine staatliche Unterstützung gibt, ist das Leben in der Favela wirklich nicht leicht. Alles muss selbst organisiet werden. Es gibt kein Abwassersystem, keine Müllabfuhr, keine offiziellen Schulen, keine medizinische Versorgung usw. Der Kontrast zur reichen Bevölkerung Rios wird richtig deutlich, wenn man unmittelbar neben der Favela eine amerikanische Privatschule sieht, dessen monatlicher Beitrag pro Kind das Vierfache eines Lohns beträgt, den ein einfacher Arbeiter aus der Favela zur Versorgung seiner ganzen Familien erhält. Oder sich im Süden angrenzend ein grüner Golfplatz mit einer hochklassigen Bewässerungsanlage befindet. Kein Wunder, dass die Leute auf die Strasse gehen und gegen die Verschwendung der Gelder demonstrieren, die z. B. in Milliardenhöhe für den Bau eines Stadions für die WM in Manaus verwendet wurden, dass jetzt keiner mehr benötigt, statt in das dringend benötigte Gesundheits- und Bildungssystem zu finanzieren.

Eine Tour, die einem in jedem Fall bewusst werden lässt, wie gut es einem eigentlich in Deutschland geht. Mit einem Anteil von Zweidrittel des Gesamtpreises, den wir für die Tour zahlen, unterstützen wir zumindest eine kleine Tagesschule in der Favela, die Kinder nachmittags betreut, damit Sie nicht auf die Strasse betteln gehen. Unser Fazit: Eine super informative Tour mit www.favelatour.com.br – Daumen hoch!

Zum Schluss noch kurz die Antwort auf, warum Queijo, Queijo und noch mehr Queijo?

Die Brasilianer lieben anscheinend Käse und egal was wir bestellen, vielleicht verstehen Sie uns einfach auch nicht, oder wie sehen aus wie Holländer, erhalten wir in jedem Snack oder Gericht Käse in rauhen Mengen. Gegrillt, geschmolzen, eingebacken, überstreut und zusätzlich als Beilage. Wenn das so weiter geht auf unserer Reise, kann man uns nachher auf den Berg zum Machu Picchu hochrollen.

Aber jetzt heißt es erst einmal Tchau, Tchau Rio und auf zu unserem zweiten Stopp in die kleine Kolnialstadt Paraty.
Achja und unsere neuesten Erkenntnisse:

– Nicht nur beim Schuh des Manitu wird der Klappstuhl ausgegraben. Auch hier hat jeder Brasilianer anscheinend einen unter dem Arm geklemmt, der dann vorzugsweise am Strand, an einem schattigen Plätzchen oder einfach am Abend vor dem Hauseingang aufgestellt wird
– Wir haben unter den bunten Kacheln der Treppenanlage Selaróns auch den Kölner Dom in Rio gefunden.

 

Eure Kathrin

Kommentar verfassen