São Paulo by Night versus brasilianisches Dorfleben

Weiter geht es mit den Abenteuern unser Kathrin in Südamerika: Heute berichtet sie über eisgekühlte Kokosnüsse nach einer langen Partynacht, neuen Freunden und über eine brasilianische Kleinstadt-Idylle.

Nach ein paar verrückten Tagen in Rio brauchen wir jetzt erst einmal ein bisschen Pause vom Trubel der Großstadt. Außerdem wollen wir uns auch ein bisschen erholen. Daher machen wir uns auf zu dem ersten Stopp unserer Reise in das kleine Kolonialdorf Paraty am Meer.

Kurvenreich entlang der Küste fahren wir gen Süden direkt hinein in eine dunkle Gewitterfront. Nach vier Tagen Sonnenschein werden wir nun mit Blitzen, Donner und Prasselregen empfangen. So muss ein Weltuntergang aussehen! Gar nicht so einfach sich mit dem ganzen Gepäck auf den Weg durch die überschwemmten Straßen zu machen. Man könnte sich schon fast besser ein Boot nehmen, aber wir sind ja nicht aus Zucker und im Storchenschritt kommen wir dann in der Stadt mit den kolonialen Häuschen und dem uraltem Kofpsteinpflaster an.

Wenn wir hier von altem Kopfsteinpflaster reden, ist dies nicht ansatzweise mit dem in der Altstadt von Köln zu vergleichen. Hier befinden sich einfach wahllos zusammengeworfene unbearbeitete Pflastersteine auf dem Weg mit dicken Pfurchen, Kanten und teils tiefen Gräben. Man springt beim Laufen quasi die ganze Zeit wie ein Grashüpfer von einem zum nächsten Stein. Wären diese Straßen so noch in Köln, da würde man Samstagnachts nach zehn Kölsch nicht mehr heile nach Hause kommen.

Die folgenden zwei Tage ist Entspannung angesagt. Kein Verkehrslärm, keine Millionen Menschen, ruhige kleine Strände, leckere Kokosnüsse und mit den alten Gassen und bunten Häusern ist Paraty eine tolle Kulisse um einen Eindruck von den alten Kolonialzeiten zu bekommen und einfach nur ganz viele Fotos zu machen.

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Da das Wetter aber nicht so viel besser wird, verliert auch die schönste Kleinstadt-Idylle irgendwann bei Regen ihren Reiz. Wir entscheiden uns den alten Pferdekutschen Tschüss zu sagen und uns in den nächsten Bus zurück in die Gegenwart in die Mega-Metropole nach São Paulo zu setzen. Mit mehr als 19 Millionen Menschen, die im Großraum der Stadt wohnen, die sogenannten „Paulistas“, wie sich die Einheimischen nennen, haben wir allerdings überhaupt keine Idee wo wir starten sollen.

Schlaflos in São Paulo

Vom vielen Sightseeing in Rio auch noch ein wenig angeschlagen, machen wir daher spontan einfach nur einen kurzen Zwischenstopp von einer Nacht in  São Paulo, um von dort ins Pantanal zu gelangen. Aber hier haben wir die Rechnung wohl ohne die Paulistas gemacht, mit denen diese eine Nacht in Sao Paulo zum Tag wurde.

Bereits bei unserer Ankunft in der Millionenstadt treffen wir auf Igna, die uns super hilfsbereit durch das riesen Metro- Streckennetz führt und uns sogar die Fahrkarten spendiert, da vor den Verkaufsschaltern riesen Menschenschlangen stehen. Nach Paraty mit den drei Gassen haben wir in Sao Paulo nämlich irgendwie den Überblick verloren, doch mit Ignas Hilfe gelangen wir auch hier schnelln zu unserem Hostel in dem Stadtteil Vila Madalena.

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Und die netten Begegnungen ziehen sich ab jetzt wie ein roter Faden durch unseren Aufenthalt in São Paulo. Noch schnell die Bustickets für die Fahrt ins Pantanal organisiert, treffen wir am Abend in einem kleinen Imbiss auf Lucho und Lolita. Sie sitzen nebenan am Tisch und bekommen anscheinend mit, dass wir mal wieder Verständigungsprobleme beim Bestellen der brasilianischen Käsegerichte haben. So springt Lucho ein und übersetzt für uns Portugiesisch ins Englische und mir nichts dir nichts werden wir auch schon von ihm zu einem Bier und Caipirinhas eingeladen.

Lucho ist Steinmetz und kommt ursprünglich aus Chile und da er schon in vielen Ländern der Welt alte Skulpturen und Bauwerke restauriert hat, in Italien, Frankreich, Chicago, England, usw. spricht er sehr gut Englisch. Seine ganze Familie, Kinder und Enkelkinder wohnen mittlerweile in Sao Paulo, daher ist er mit seiner Frau ebenfalls nach Brasilien gezogen. Er vermisst zwar seine Heimat aber „Home is where your heart is“, erklärt er in einfachen Worten.

Die chilenischen Traditionen werden aber natürlich trotzdem beibehalten und nachdem wir ihm berichten, dass wir auch nach Chile reisen werden, ist er total begeistert und muss uns unbedingt auf die besten chilenischen Empanadas in ganz Brasilien einladen. Fünf Minuten später sitzen wir auch schon bei einem seiner chilenischen Freunde in einem kleinen Café um die Ecke mit Cachaca Schnaps, Bier und Empanadas auf dem Tisch. Nicht, dass wir gerade noch zwei brasiliansiche Cholesterinbomben gegessen haben. Aus Höflichkeit machen wir vor den chilenischen Empanadas natürlich auch keinen Halt. Wobei man dazu sagen muss, dass diese frischen Teigtaschen mit Hackfleisch, Oliven, Gemüse und Ei auch mit Abstand das Leckerste sind, was wir bisher gegessen haben. Ich sag ja, nach Maccu Pichu kommen wir nicht mehr hoch.

Feucht fröhlich wird alles vernichtet und nachdem Lucho irgendwann mit schwerer Zunge auch nicht mehr ganz so gut zu verstehen ist oder waren wir selbst schon so beduselt, heißt es Abschied nehmen. Wir versichern Lucho, dass wenn uns in Deutschland einmal ein Chilene oder ein Brasilianer über den Weg laufen wird, wir genauso gastfreundlich sein werden, Versprochen!

Durch die Straßen der Megametropole

Durch Zuckerrohrschnaps und mehreren Cervezas schon leicht angeschlagen, schlendern wir zurück zum Hostel. Doch die Nacht in São Paulo ist noch nicht zu Ende. In unserem Hostel treffen wir direkt auf eine Gruppe Brasilianer. Schnell ist klar, wenn wir nur bis Morgen in der Stadt sind, müssen wir natürlich noch mit ihnen um die Häuser ziehen, sonst sehen wir ja nichts mehr. Das ist ein Argument!

Mit dem Auto geht es in die Rua Augusta, eine Straße mit vielen unterschiedlichen Bars und Cubs und einer kunterbunten Szene. Wer mit wem, wie aussieht, was trägt und woher kommt, interessiert hier keinen. Alle sind einfach da, um auszugehen und Spaß zu haben. Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, um in irgendeine Bar hereinzukommen, sollte man unbedingt einen Lichtbildausweis mitbringen. Aus Sicherheitsgründen werden am Eingang alle Personaldaten erfasst.

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Gut, dass ich einen Ausweis dabei habe. Und da Marcell leider nichts dergleichen dabei hat kann, wird einfach schnell eine zweite ID-Karte eines 20-jährigen lockenköpfigen Brasilianers namens Tiago organisiert. Na es ist ja dunkel, da fälIt der Unterschied hoffentlich nicht auf. Und wir schaffen es tatsächilch in den Club und ich sage nur, es gibt noch mehr Cachaca und noch mehr Cachaca und noch mehr Cachaca bis wir irgendwann früh morgens mit den ersten Sonnenstrahlen wieder im Hostel eintrudeln.

Am nächsten Tag sind dementsprechend leider nicht wirklich fit für ein Sightseeing Tour und am Nachmittag fährt auch schon unser Bus ab. So schlendern wir nur noch ein bisschen über den sonntäglichen Markt in Vila Madalena, trinken Kokusnüsse um unseren Elektrolythaushalt wieder aufzubauen und schaffen es noch kurz bis zum Stadtpark, dem Parque do Ibirapuera, wo die Paulistas am Wochenende ein wenig dem Großstadtlärm entfliehen, sich das Skateboard schnappen, Musik machen oder einfach nur mit der Familie im Grünen Picknicken.

Vielmehr von Sao Paulos Sehenswürdigkeiten können wir leider nicht berichten, aber für uns war dieser Stopp trotzdem mehr als lohnenswert. Denn nicht immer sind es die Attraktionen, die eine Stadt ausmachen, hier waren es definitiv die Menschen, die uns mit soviel Gastfreundschaft empfangen haben. Lucho, Lolita und Bruno mit seinen Freunden, „Mucho Obrigado por esta noite fantástica!“

Ein paar neue Erkenntnisse:

– Wir müssen unbedingt das Gerücht aufklären, „Alle Deutsche mögen Rammstein“ – wo kommt das denn bitte her?

– Mit Rio de Janeiro und Sao Paulo verhält es sich wie mit Köln und Düsseldorf. Die einen mögen die anderen nicht oder ist da was dran, wenn die Paulistas sagen, die Cariocas versauen uns den Ruf? Ich mein, die Bayern mit Ihrem Oktoberfest verursachen auch weltweit das Vorurteil, wir würden alle in Dirndl und Lederhosen rumlaufen, wer weiß.

– Kalte Kokusnüsse sind noch besser als kalte Cola bei einem Kater nach

 

Eure Kathrin

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