Torres del Paine – Die Türme der Herausforderung

Camping mitten im Torres del Paine-Nationalpark: Kathrin dachte, sie sei durch ihre zahlreichen Campingurlaube im Urlaub bestens vorbereitet. Doch sie wurde eines Besseren belehrt: 

Von Ushuaia geht es weiter über Grenzen, Flüsse, unbefestigte Wege, durch wilde Steppen und mit der Fähre über das Meer weiter nach Puerto Natalas. Unser erstes Ziel in Chile. Was für eine unwirkliche Fahrt durch ein Land, wo weit und breit zwischen den Orten nichts anderes als Himmel und Erde zu sehen sind. Man kommt wirklich eine kleine Idee wie die Welt wohl ursprünglich ohne Menschen, Städte und Zivilsation aussehen würde.

Hinter den Bergen taucht dann doch aufeinmal ein Ort im Tal auf, mit bunten Wellblechhäusern, die sich gegen den dunklen wolkenverhangenen Horizont erheben. Schnell ist klar, hier ist Aufbruchstimmung. Denn wie fleißige Ameisen sieht man den ganzen Tag die Touristen und Backpacker durch die kleinen Straßen und Wege flitzen mit Campingausrüstungen unter den Armen, Einkäufen in Kartons und/oder völlig geschafft mit offenen Schuhen oder Barfuß humpelnd in den Ort zurückkehrend. Denn Puerto Natales ist der Ort, um sich für den atemberaubenden Parque Nacional Torres del Paine zu wappnen, der Startpunkt in ein großes Abenteuer.

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Der wohl mit bekannteste Nationalpark in Chile und Patagonien wurde 1959 gegründet und ist über 227.298 Hektar groß. Die Granitspitzen der 2.800 Meter hohen Torres del Paine und Cuernos del Paine, einzigartig in der Welt durch ihr Gestein und die metamorphe Entstehung, sind die Attraktionen, die man hier wirklich gesehen haben muss.

Doch einfach zu dem Gebirge hinfahren und nur für einen Tag anschauen kommt hier nicht in Frage und ist auch gar nicht möglich. Um den Park in seiner vollen Vielfalt richtig zu erleben, wurden verschiedene Hikingtouren entwickelt. Jeden Tag um 15.00 Uhr bekommt man in Puerto Natales von erfahrenen Guides umfangreiche Informationen über die verschiedenen Touren, benötigte Ausrüstung und Versorgung. Denn je nachdem wie viel Zeit man natürlich hat, kann man sich zwischen der wohl bekanntesten Route, dem „W“, dem „W“ plus die Rückseite oder dem „Q“ (W plus Rückseite plus Start im Süden) wählen. Denn je länger die Strecke wird, desto mehr Tage muss man einplanen. Von 4- 10 Tagen je nach Wetterbedingungen ist alles drin.

Deluxe-Camping mal anders

Na und ratet mal, für welche Route wir uns entschieden haben? Natürlich das „Q“. Das „W“ macht ja schließlich jeder und nach 4 Tagen fangen wir ja erst einmal an zu wandern. Durch unsere Campingurlaube in Holland sind wir doch schon super vorbereitet – dachten wir.  Aber dazu später. Erst einmal hieß es dann auf in den Supermarkt und Lebensmittel für 10 Tage kaufen. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass es möglichst kein Gewicht haben darf. Denn man schleppt ja alles bergauf und bergab mich sich rum, da zählt jedes Gramm. Also Tütensuppen, Linsen, Kartoffelbrei, Fertig- Pasta und Haferschleim wurden zu unseren täglichen Deluxe- Camping Mahlzeiten.

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Dann noch schnell Zelt, Isomatten und Schlafsäcke ausgeliehen und schon kann die Tour starten. Morgens um 6.00 Uhr ging es los mit dem Bus in den Park. Es gibt drei verschiedene Startpunkte, am ersten Eingang im Osten und an der zweiten Station am Lake Pehoé steigen bereits fast alle aus dem Bus aus, die das „W“ laufen. Oh mein Gott, sind wir etwa die einzig Verrückten, die das „Q“ gewählt haben. Nein, ganz hinten im Bus sind dann tatsächlich doch noch drei weitere Wanderer und komischerweise auch Deutsche. Gemeinsam geht es dann mit Sack und Pack auf zur ersten Strecke von der südlichen Administration hoch zum See und dem ersten Campingplatz. Schon nach den ersten Kilometern kommen Zweifel auf, was machen wir hier eigentlich? Der Wind peitscht uns um die Ohren und der Rucksack ist echt super schwer. Wuahhh ich habe jetzt schon nach zwei Stunden „Rücken“ und „Nacken“. Aber die Landschaft ist der Wahnsinn. Immer wieder kommen wir über gewundene Pfade an tollen Aussichtspunkten vorbei mit Panoramablicken auf tiefgrüne Wälder, azurblaue Seen, rauschende Flüsse und in der Ferne kann man schon einen ersten Blick auf die Torres, die Granitgipfel erhaschen.

Nach den ersten 26 Kilometern erreichen wir dann völlig geschafft unser Etappenziel, den Campamento Italiano. Mitten im Wald versteckt, schlagen wir unser Zelt auf. Und im Schein der Kopflampen wird noch schnell der Campingkocher angeschmissen. Mit einer warmen Mahlzeit im Bauch schlafen wir auch sofort ein. Man könnte sich jetzt auch noch schön gemütlich am Feuer ein Bier oder Wein trinken, aber wer schleppt schon freiwillig zusätzlich noch Alkohol auf den Berg. Obwohl wir von ganz cleveren Leuten gehört haben, die eine Art dehydriertes Bierpulver mitgebracht haben, bei dem man nur noch Wasser hinzugeben muss, um dann den in den Genuss des Gerstensafts zu kommen. Ob das so lecker ist, aber Not macht ja erfinderisch.

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Wir halten uns lieber mit Wasser fit und das gibt es hier im Park en masse. Und das Tolle ist, man kann es direkt ganz frisch und kalt aus den Bergflüssen ohne Bedenken trinken. Woanders zahlen die Hipsters viel Geld für teures Andenwasser, hier gibt es es frei in der Natur zur Verfügung. Da könnte man sich echt dran gewöhnen. Schade, dass bei uns die Gewässer nicht so rein sind, um mal eben eine Pause einzulegen und sich erfrischen zu können.

Und so kommen wir am nächsten Morgen auch topfit im Valle del Frances und am Mirador Britanico an. Die Sonne scheint und wir befinden uns mitten in einem Tal umgeben von den schnee- und eisbedeckten Berggipfeln. Dieser Anstieg hat sich echt gelohnt. Hier kann man es im warmen Sonnenschein mit Picknick auf den Felsen super aushalten. Doch leider müssen wir noch weiter zum nächsten Campingplatz nach Cuernos.

Die „Upper Class“ nächtigt in Holzblockhäusern

Und dort angekommen erwartet uns bereits ein schön gemütliches Holzblockhaus mit Restaurant, einem leckeren Abendessen auf dem Tisch und warmen Betten. ABER das ist ja alles nicht für uns, sondern für die Gäste, die nicht campen, sondern sich bereits im Vorfeld für eine etwas luxuriösere Variante zur Erkundung des Parks entschieden haben. Wir nennen sie nur von unserem Zelt aus die „Upper Class“. Campen macht doch viel mehr Spass in der Natur. Leider aber nur solange es trocken bleibt. Denn durch den Starkregen in der Nacht wurden viele der Zelte komplett unter- und durchgespült. Wir hatten nur Glück, da wir am Abend noch einmal schnell den Platz auf einen kleineren Hügel gewechselt haben. Da sind wir im Gegensatz zu anderen mit nur einem nassen Zelt noch einigermaßen glimpflich weggekommen.

Doch auch die wiederkehrende Sonne am Mittag hat uns nicht viel beim Trocknen genützt, denn als wir hoch oben am Basecamp Los Torres ankommen, hat es sich so richtig schön eingeregnet und die Temperaturen in dieser Höhe gehen jetzt auch in Richtung Minusgrade. Da heißt es nur noch schnell mit der selbstgebastelten Coca Cola Wärmeflasche in den Schlafsack und fröstelnderweise die Nacht überstehen. Denn schon um 4.00 Uhr geht es wieder weiter. Im Dunkeln kraxeln wir hoch zum Mirador Base de las Torres um dort einen Sonnenaufgang mit einem einmaligen Farbspiel mit den Torresgipfels als Leinwand zu bewundern. Steigt man morgens noch durchgefroren und fluchend aufgrund der Anstrengung den Berg hoch, so merkt man oben angekommen schnell, die Mühen haben sich wieder gelohnt. Diesen Anblick hätte man um kein Geld der Welt verpassen wollen.

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Das ist es wohl auch, was diesen Park so ausmacht. Durch eigene Kraft und mit viel Motivation versucht man immer das nächste Ziel zu erreichen und dafür wird man immer wieder mit grandiosen Naturkulissen belohnt. In den nächsten Tagen wandern wir so über die Rückseite immer weiter bei Sonnenschein, Sturm, Regen, Nebel, Frost bis zum letzten großen Anstieg, dem Paso John Gardner. In 5 Kilometern sind hier ca. 600 steile Höhnenmeter zu bewältigen und es wird immer kälter und nasser. Am letzten Campingplatz völlig k.o., durchgefroren und mit feuchten Sachen, hilft nur Gruppenkuscheln mit ca. 30 anderen am Ofen in einer Wellblechhütte. Und dann kommt auch noch der Ranger und warnt, wenn das Wetter nicht besser wird, müssen wir hier bleiben und können morgen nicht weiter, da es zu gefährlich wäre. NEIN!! Ich glaube in der ganzen Nacht haben wir nur gelauscht, dass der Regen endlich aufhört. Und irgendwann früh morgens gab es dann die Entwarnung und das Go. Wir dürfen los. War das anstrengend durch den aufgeweichten, matschigen Boden ging es immer weiter hoch. Zwischendurch half nur noch ein Snickers um wieder Energie zu bekommen, aber dann haben wir es geschafft.

Am Pass angekommen, haben wir einen überwältigen Ausblick auf den dahinterliegenden Glaciar Grey, eine riesen bläulich weiß schimmernde Eismasse, die sich in das Tal und in den Lago Grey schiebt. Nach dem Aufstieg noch nach Luft schnappend ist das echt das Schönste, was wir bisher auf einer Wanderung gesehen haben. Klar der Perito Moreno Gletscher, von dem ich letztes Mal berichtet habe, ist auch absolut beeindruckend. Aber wenn man sich den Weg zu so einem Naturphänomen selber erarbeitet hat, man langsam über den Pass kletttert und sich dann dieses Bild vom Eis vor einem eröffnet, ist das schon noch einmal ein ganz anderes intensiveres Erlebnis.

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Die Schlussetappe ging dann wie zum Abschied noch einmal mit Sonnenschein entlang des Gletschers zurück bis zum Lago Pehoe. Von dort sind wir am zehnten Tag mit der Fähre wieder raus aus dem Park gefahren. Mit 1000 Fotos, neuen Freunden, die wir unterwegs getroffen und mit denen man gemeinsam geschwitzt, gelacht und gefroren hat und unendlich vielen neuen Natureindrücken im Gepäck. Die Kombination von der besonderen Flora und Fauna, das Klima und wechselhafte Wetter und die atemberaubende und einzigartige Landschaft des Torres del Paine Parks, die auch von der UNESCO als Biosphere Reserve ausgezeichnet wurde, ist daher für und das Erlebnis: Patagonien!!

Und so kehren wir nach 10 Tagen und 130,5 Kilometern bergauf, bergab, mindestens 5 Kilos leichter, völlig geschafft aber glücklich zurück nach Puerto Natales. Und dann ging es schnurstracks unter die sehnlichst erwartete warme Dusche und danach gab es statt 5 Löffel Kartoffelbrei zum Frühstück eine riesen Pizza zum Abendessen!

 

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